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COVID-19: Ausländische Versicherte haben doppelt hohes Sterberisiko

29.06.2022 09:52
Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit hatten im Jahr 2021 im Schnitt ein mehr als doppelt so hohes Risiko an COVID-19 zu versterben wie Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Das hat eine Datenanalyse der AOK Nordost von rund 1.600 Sterbefällen ergeben. Auch Menschen, die in sozial benachteiligten Ortsteilen wohnen, haben im Schnitt ein höheres Sterberisiko.

Für die Datenanalyse untersuchte die AOK Nordost, wie viele ihrer rund 1,7 Millionen Versicherten in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2021 mit einer gesicherten COVID-19-Diagnose ins Krankenhaus eingeliefert wurden und dort innerhalb von vier Wochen verstarben. Im nächsten Schritt wertete die Krankenkasse aus, welche Vorerkrankungen eine Rolle bei den 1583 Verstorbenen spielten.

Menschen, die an Diabetes oder einer anderen Stoffwechselkrankheit litten, hatten ein 62 Prozent höheres Sterberisiko als Versicherte ohne Stoffwechselerkrankungen. Auch andere Vorerkrankungen erhöhten das Sterberisiko signifikant. Darüber hinaus wurden in der Datenanalyse noch weitere Merkmale der Verstorbenen wie Wohnort, Beschäftigungsstatus und Staatsbürgerschaft untersucht.

Als der mit Abstand größte „Risikofaktor“ für eine tödlich verlaufende COVID-19-Infektion entpuppte sich eine ausländische Staatsbürgerschaft: Ausländische Versicherte der AOK Nordost hatten im Schnitt ein rund 2,3 Mal höheres Sterberisiko als deutsche Versicherte. Eine statistisch belastbare Differenzierung nach Herkunftsländern war in der Studie nicht möglich, dafür war die Fallzahl von 141 verstorbenen ausländischen Versicherten nicht groß genug.

Migranten verdienen im Schnitt weniger und wohnen beengter

„Der Befund fügt sich ein in Studien aus anderen Industrieländern. Auch dort haben Migrantinnen und Migranten höhere Infektionsrisiken und sind auch unter den COVID-19-Sterbefällen überrepräsentiert.  Dafür gibt es mehrere Gründe. Migrantinnen und Migranten arbeiten häufiger in Berufen, die ein hohes Infektionsrisiko haben, wie etwa in der Reinigungsbranche und in der Altenpflege. Zudem wohnen Migranten häufiger in beengten Verhältnissen und haben pro Kopf weniger Platz zur Verfügung. Auch beengte Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko, sich zu infizieren“, erläutert Nico Dragano, Professor für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. (ein ausführliches Interview mit Prof. Dragano zu dem Thema finden Sie hier auf unserem Blog)

Laut dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts haben Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft im Schnitt ein rund 20 Prozent geringeres Einkommen und deutlich seltener einen berufsqualifizierenden Abschluss als Menschen ohne Migrationshintergrund.

Dass ein niedrigerer sozioökonomischer Status das Infektionsrisiko erhöht, zeigt sich auch in Datenanalysen der AOK Nordost. AOK-Versicherte, die in den am stärksten sozial benachteiligten Gebieten in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wohnen, hatten laut der Analyse ein 11 Prozent höheres Sterberisiko als die Bewohner aller anderen Ortsteile.

Ausländische Covid-19-Verstorbene waren im Schnitt erst 68 Jahre alt

Auch beim Durchschnittsalter der an oder mit COVID-19 Verstorbenen zeigen sich in der Analyse deutliche Unterschiede: Die Versicherten mit deutscher Staatsangehörigkeit starben im Schnitt im Alter von 82 Jahren. Die Versicherten mit ausländischer Staatsangehörigkeit wurden im Schnitt nur 68 Jahre alt – sie starben durchschnittlich 14 Jahre früher.

„Das ist ein erschreckendes Ergebnis. Unsere Datenanalyse zeigt, dass es im Jahr 2021 offenkundig nicht ausreichend gelungen ist, Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit besser über die Gefahren einer Corona-Infektion – und auch über den Nutzen der Corona-Impfung aufzuklären. Wie das Robert Koch-Institut gezeigt hat, spielen Sprachbarrieren hier offenbar eine wichtige Rolle“, sagt Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost.

RKI-Studie: deutlich niedrigere Impfquote bei Menschen mit schlechten Deutschkenntnissen

Konkret belegt die im Februar 2022 erschienene repräsentative 9. Covimo-Studie des RKI, dass die Impfkampagne Menschen mit schlechten Deutschkenntnissen signifikant seltener erreicht hat.

Von den erwachsenen Befragten mit sehr guten Deutschkenntnissen gaben 92 Prozent an, mindestens einmal gegen Covid-19 geimpft worden zu sein. Von den Personen mit schlechten Deutschkenntnissen gaben nur 75 Prozent an, mindestens einmal gegen COVID-19 geimpft worden zu sein. Diese Personen wurden in Arabisch, Türkisch, Russisch, Polnisch und Englisch interviewt.

Die geringere Impfquote unter Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen hat laut der Studie mehrere Gründe: Befragte mit schlechten Deutschkenntnissen hatten im Schnitt signifikant weniger Vertrauen in die Impfung und das Gesundheitswesen. Sie glaubten fälschlicherweise deutlich häufiger, dass die COVID-19-Impfung dieCOVID-19-Erkrankung selbst auslösen könne, dass die Impfung Chemikalien in giftiger Dosierung enthalte und dass die Impfung die menschliche DNA verändern könne.

Bezirk Neukölln engagierte sich frühzeitig bei dem Thema

Der Berliner Bezirk Neukölln hatte bereits im September 2020 ein interkulturelles Aufklärungsteam gebildet, um solchen Vorbehalten zu begegnen. Sechs Fachkräfte vermitteln seither in zwölf Sprachen Menschen ausländischer Herkunft aktuelle Informationen rund um die Pandemie. „Unsere Analyse belegt, wie sinnvoll dieses frühzeitige Engagement war. Der Berliner Senat hat im Januar 2022 seine Bemühungen verstärkt, berlinweit Menschen mit Migrationshintergrund bei der Impfkampagne gezielter zu erreichen. Das war ein richtiger Schritt“, sagt Daniela Teichert.

Auch die AOK Nordost unterstützt dabei, die Impfquote bei Versicherten mit Sprachbarrieren zu erhöhen. Im AOK-Ärztehaus „Centrum für Gesundheit“ in Berlin-Wedding wurden und werden viele Versicherte niedrigschwellig und mehrsprachig über die Impfung aufgeklärt, mehr als 50 Prozent der dort geimpften Versicherten hatten einen Migrationshintergrund.  Für Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind, stellt die AOK Nordost in ukrainischer Sprache Informationen über medizinische Themen bereit – mit Hinweisen zur COVID-19-Impfung.

Schon heute können sich Versicherte mit geringen Deutschkenntnissen über die Telefon-Hotline 0049 331 2772 1234 von den Mitarbeitenden des AOK International Service zu Gesundheitsthemen beraten lassen. Die Mitarbeitenden dort beherrschen insgesamt 14 Fremdsprachen – von Arabisch bis Vietnamesisch.

 

Quellen:

  1. COVIMO – COVID-19 Impfquoten-Monitoring in Deutschland.  9. Report des Robert Koch-Instituts vom 03.02.2022 (Link als PDF)
  2. Soziale Ungleichheit und COVID 19 – Wo stehen wir in der vierten Pandemiewelle? Epidemiologisches Bulletin 5/2022 des Robert Koch-Instituts vom 03.02.2022
  3. „Senat verstärkt die Zusammenarbeit mit Migrant*innenorganisationen: Gemeinsam die Impfquote erhöhen“. Pressemitteilung der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales vom 13.01.2022
  4. Arztbehandlungen, Medikamente und Impfungen: So erhalten Menschen aus der Ukraine Hilfe. Laufend aktualisierte Informationen auf der Website aok.de