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Demenzprävention: Iqvia analysiert Real World Daten

11.11.2019 14:54
Die Untersuchung etablierter, teilweise nicht mehr patentgeschützter Wirkstoffe zur Anwendung bei bislang unberücksichtigten Erkrankungen erbringt immer wieder neue Erkenntnisse. Bevor kostenintensive klinische Studien angelegt würden, biete die Analyse von Real World Daten einem ersten Schritt die Chance, mögliche Effekte vorhandener Pharmaka zu untersuchen wie Iqvia mitteilt. Das Unternehmen hat dies in Kooperation mit der Universität Leipzig und der Universität Göttingen in unterschiedlichen Cases untersucht.

In Deutschland nimmt die Zahl an älteren und alten Menschen weiter zu. Waren im Jahr 1950 noch 14 % aller Einwohner über 60 Jahre alt, stieg deren Anteil auf 24 % im Jahr 2008 an. Bis 2040 sollen es schätzungsweise 37 % sein. Gleichzeitig erhöht sich die Lebenserwartung – bei der Geburt ist aktuell je nach Geschlecht von 77 bis 83 Jahren auszugehen. „Der Preis eines langen Lebens sind mehr Demenzen“, sagt Prof. Dr. Karel Kostev, wissenschaftlicher Forschungsleiter bei Iqvia. Die Prävalenz beträgt bei Menschen zwischen 80 und 85 Jahren 10 bis 13% und steigt bei den 90- bis 95-Jährigen auf 24 bis 31 % an. Kostev: „Allerdings gibt es derzeit nur supportive, symptomatische Therapien.“ Speziell bei Morbus Alzheimer sei der Nutzen mancher Pharmaka umstritten.

Um diese Versorgungslücke zu schließen, verfolgte Kostev einen anderen Ansatz: „Mit Real World Daten konnten wir abschätzen, welches Potenzial unterschiedliche etablierte Wirkstoffe haben, um die Entstehung von Demenzen zu verzögern oder zu reduzieren.“ Deshalb hat Iqvia in den letzten Jahren 30 Assoziationsstudien mit unterschiedlichen, häufig verordneten Wirkstoffgruppen durchgeführt. Basis bildete die retrospektive Disease Analyzer-Datenbank von Iqvia. Das Unternehmen präsentiert zwei Beispiele:

Behandlung des Bluthochdrucks: Antihypertensiva

Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) gehört zu den häufigsten Erkrankungen älterer Menschen; zahlreiche Pharmaka stünden zur Verfügung. Ein Vergleich von Hypertonie-Patienten mit und ohne Demenz mit über 12.000 Patienten pro Gruppe zeitigte wichtige Ergebnisse hinsichtlich der Therapie. Je nach Modell zeigten sich bei unterschiedlichen Arzneimittelklassen von Antihypertensiva Assoziationen zwischen der Pharmakotherapie und dem Demenzrisiko.

Bei Zugrundelegung von mindestens einer einmaligen Verordnung des Antihypertensivums zeigten sich beim Vergleich von Patienten mit und ohne Demenz-Effekte durch die Pharmakotherapie dahingehend, dass ACE-Hemmer und Angiotensin II-Antagonisten (Sartane) einen negativen Einfluss auf die Entwicklung von Demenz hatten. D.h., mit den Präparaten dieser Wirkstoffgruppen behandelte Patienten entwickeln ungefährzu 15 bis 20 % seltener eine Demenz (Abbildung 1).

Bei einer Therapiedauer von drei und mehr Jahren im Vergleich mit weniger als drei Jahren bestätigt sich dies den Studienergebnissen zufolge für beide Wirkstoffgruppen; hinzu kämen noch Calciumantagonisten, die das Demenzrisiko um rund 10 % verringern. Betrage die Therapiedauer fünf Jahre oder mehr, so zeige sich auch bei Betablockern der das Demenzrisiko reduzierende Effekt. Bei Sartanen verstärke sich der Effekt noch. Diese sämtlich statistisch signifikanten Befunde zeigten beispielhaft, wie zumeist ältere Präparate möglicherweise einen Einfluss auf die Minderung von Demenz haben könnten. Da antihypertensive Wirkstoffe bei älteren Patienten in der Regel langfristig verordnet würden, käme diesen Ergebnissen, sollten sie in weiteren Studien bestätigt werden, erhebliche Bedeutung zu. Daher sei in zukünftigen Untersuchungen zu prüfen, ob etwa bestimmte Wirkstoffe oder Präparate diesbezüglich eine besondere Rolle spielten, so Kostev.

Antidepressiva: Johanniskraut hat mögliche Potenziale

Bei Antidepressiva gebe es eine Vielzahl von Wirkstoffen und Wirkungen, da die Präparate bei verschiedenen Krankheitsbildern eingesetzt werden. Um die Vergleichbarkeit der Analysen zwischen Patienten mit und ohne Demenz zu gewährleisten, wurde laut Unternehmen in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen ein Matching-Verfahren angewandt, das die Untersuchungs- und Kontrollgruppe nach relevanten Kriterien justierte. Schließlich verblieben über 62.000 Patienten in jeder Gruppe.

Auf den ersten Blick schienen bestimmte Substanzen der Arzneimittelklassen SSRI (selektive SerotoninWiederaufnahmehemmer) und SNRI Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) mit einem erhöhten Demenzrisiko einherzugehen, während trizyklische Antidepressiva mit einem leicht reduzierten Demenzrisiko assoziiert waren und Johanniskraut den stärksten protektiven Effekt zeigte. Durch die Berücksichtigung der Therapiedauer habe sich das Bild allerdings verändetr, wie das Beispiel Escitalopram zeige. Bei einer mindestens zweijährigen Anwendung5 reduziere sich das Demenzrisiko um über 30 %. Noch deutlichere Effekte zeigten bei mindestens zweijähriger Anwendung Johanniskraut, verglichen mit einer kürzeren Einnahmedauer. Hier habe sich das Demenzrisiko um fast das Zweifache reduziert. Auch diese Ergebnisse seien statistisch signifikant. Aufgrund dieser Resultate fordert Kostev: „Mit Hypericum perforatum sollte man klinische Studien starten, um den Effekt weiter zu untersuchen.“

Antidiabetika: Risikofaktor Hypoglykämie

Bei Diabetes mellitus lieferte eine Kohorte mit fast 8.300 Demenzpatienten und ebenso vielen Patienten in der Kontrollgruppe Einblicke. Alle Datensätze wurden nach Angaben von Iqvia hinsichtlich des HbA1c-Werts, der Diabetes-Dauer, der Co-Diagnosen und der Co-Therapien adjustiert. Die Einnahme von oralen Antidiabetika wie Glitazonen und Metformin als Monotherapie war den Analysen zufolge mit einem niedrigeren Demenzrisiko assoziiert. Bei Insulinen, speziell bei Basal- und Bolusinsulinen, fanden sich Hinweise auf gegenteilige Effekte. Eine mögliche Erklärung liege darin, dass durch Insuline mehr Hypoglykämien auftreten, die mit Demenz in Verbindung stünden. Auch diese Ergebnisse seien statistisch signifikant.

Methodische Einschränkungen

Wie bei jeder epidemiologischen Studie, so Iqvia, würden Assoziationen, aber keine Kausalitäten, gezeigt. In den Datensätzen selbst fehlten Angaben zur Schwere einer Demenz, zum sozioökonomischen Status und zur Compliance bei Pharmakotherapien. Hypoglykämien seien nicht immer ausreichend dokumentiert, und Diagnosen basierten allein auf ICD-Codes der Arztpraxis. Daten aus Krankenhäusern standen nicht zur Verfügung.

Potenziale für Patienten und Hersteller

„Die Behandlung mit bestimmten Antihypertensiva oder Antidepressiva kann zwar kein demenzfreies Leben garantieren, aber das Risiko möglicherweise verringern“, resümiert Kostev. Beim gegenwärtigen Kenntnisstand sei es wünschenswert, einzelne Wirkstoffe bzw. sogar Präparate sowie Kombinationen zu erforschen, um neue Wege der Demenzprävention auszuloten. „Dadurch könnten Hersteller auch das Portfolio ihrer Wirkstoffe ausweiten und den Patienten hoffentlich geholfen werden“, so der Experte.

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