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Solidaritäts-Begriff nicht überstrapazieren

16.11.2022 12:40
„Gerade in Krisenzeiten ist der gesellschaftliche Zusammenhalt besonders wichtig – aber auch besonders gefährdet“, eröffnete Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), den LunchTalk 2022. Unter der Überschrift „Solidarität und Spaltung in Krisenzeiten“ verfolgten 600 Teilnehmer:innen die Vorträge von Prof. Dr. Jule Specht (Humboldt-Universität Berlin) und Prof. Dr. Stephan Lessenich (Goethe-Universität Frankfurt).

Sehr konkrete Auswirkungen von Solidarität erforschte Prof. Dr. Jule Specht in einer Studie: Wer erhielt während der Corona-Pandemie welche Unterstützung von wem? Für die Bewältigung der Krise war Solidarität von erheblicher Bedeutung, soziale Unterstützungsangebot durch Kontaktbeschränkungen jedoch erheblich eingeschränkt. Die Professorin für Persönlichkeitspsychologie fand heraus, dass offene und extrovertierte Personen, die bereits sozial gut integriert waren, mehr Unterstützung erhielten. Soziale Netzwerke in der Corona-Pandemie erst aufzubauen war jedoch erheblich erschwert. 45 Prozent der Befragten erhielten soziale Unterstützung von Personen außerhalb ihres Haushalts – zehn Prozent erhielten nicht ausreichend Unterstützung. Diese Erkenntnisse sollten bei der Bereitstellung von Hilfen insbesondere durch die Zivilgesellschaft zukünftig Berücksichtigung finden. Ein weiteres Forschungsthema ist die Solidarität im Ukraine-Krieg: „Empathische Menschen haben eher pro-migrantische Einstellungen und eher Verständnis für andere Einstellungen“, folgerte Prof. Specht.

Begriff „Solidarität“ nicht überdehnen!

Prof. Dr. Stephan Lessenich leitet schon länger empirische Forschungsprojekte zu solidarischem Handeln. Im LunchTalk warnte er vor einer „Überdehnung“ des Begriffs Solidarität sowie vor dem Verlust begrifflicher Trennschärfe – etwa zur Kooperation, Empathie oder Hilfe. Der Professor für Gesellschaftstheorie und Sozialforschung stellte in der Corona-Krise eine „Hochkonjunktur“ und extreme Bandbreite des Solidarität-Begriffs fest: vom Maskentragen bis hin zum Klatschen vom Balkon. Solidarität sei jedoch vielmehr „eine kollektive soziale Praxis, die gesellschaftliche Probleme identifiziert und kooperative Formen ihrer Bearbeitung etabliert und auf die Veränderung der gesellschaftlichen Problemverursachungsstrukturen zielen“. Solidarität beinhalte Grenzziehung und sei zudem nicht harmlos. Man müsse sie durchsetzen gegen ein soziales Gegenüber – etwa gegen die Arbeitgeber*innen von unterbezahltem Pflegepersonal.

Solidarität kein Privileg der Wohlmeinenden

In der Diskussion antworteten die Expert*innen auf die Fragen der LunchTalk-Teilnehmer*innen. Während Prof. Lessenich der Meinung war, dass Solidarität Ressourcen benötige, die nicht jeder zur Verfügung habe, verwies Prof. Specht auf die Aktivitäten Nichtprivilegierter wie Student*innen hin. Gerade in der Unterstützung von Flüchtlingen seien diese sehr aktiv gewesen Auf solidarische Strukturen im rechten Spektrum angesprochen, betonte Prof. Lessenich, Solidarität sei kein Privileg der Wohlmeinenden. Die Frage des Nutzens für die allgemeine Gesellschaft entscheide sich auch im „Kampf der Solidaritäten“. In der Frage nach Unterschieden zwischen Stadt und Land sah Prof. Lessenich kein quantitatives Gefälle, jedoch eine Tendenz zu längerfristigen Netzwerken im ländlichen Raum.