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Editorial

Zum Wohle wessen?

>> Als Patient und gesetzlich Krankenversicherter darf man sich in letzter Zeit sehr wert geschätzt fühlen, denn von allen Seiten und von nahezu allen Stakeholdern wird immer wieder betont, dass man als Patient im Mittelpunkt allen Denkens und Handelns stehe. Das, was man tut, mache man ausschließlich zum Wohle der Patienten. Ja, die Patienten und gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland befinden sich im Grunde genommen auf einer Insel der Glückseligen – das einzige Problem dabei scheint zu sein, dass jede Gruppe das Wohl des Patienten immer ein wenig anders betrachtet und definiert. Um es deutlich zu sagen: Ich möchte hier niemandem absprechen, dass ihm das Patientenwohl nicht wichtig sei und es nicht wirklich ganz in seinem Handlungs-Fokus stünde. Nur sollten die verschiedenen Gruppen auch irgendwie auf den kleinsten gemeinsamen Patienten-Wohl-Nenner kommen.

Lassen Sie uns mal kurz einen exemplarischen Blick auf zwei Gruppen des Gesundheitswesens werfen. Da ist zum einen der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr kommen Schlag auf Schlag neue Gesetze aus dem Gesundheitsministerium. Warum bei den neuen Gesetzen eine solche Schnelligkeit an den Tag gelegt wird, erklärte Jens Spahn auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress: Geschwindigkeit deshalb, weil es gerade in der Gesundheitspolitik große Erwartungen von Seiten der Bevölkerung gebe. Man habe einiges Terrain wieder gut zu machen, da in den vergangenen Jahren viel Vertrauen in die Politik verloren gegangen sei – auch in die Institutionen des Gesundheitswesens. In seiner Rede machte er deutlich, dass er Auseinandersetzungen zum Wohle der Patienten nicht scheue. Nach Debatten, die durchaus kontrovers geführt werden könnten, müssten aber auch Entscheidungen folgen – genau: zum Wohle der Patienten. Ein wichtiger Themenblock war die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Spahn betonte, dass in diesem Bereich dringend Tempo angemahnt sei und erläuterte die Notwendigkeit, warum die gesamte Ärzteschaft bei der Telematik-Infrastruktur ab 2021 mitmachen müsste. Denn ein gesetzlich Krankenversicherter habe einen Anspruch darauf, dass die elektronische Patientenakte bei allen Ärzten nutzbar sei, so Spahns Argumentation zum Wohle des Patienten.

Das sieht ein Teil der Ärzteschaft aber ganz anders und argumentiert ebenfalls mit dem Wohl des Patienten: Der Ärztetag, der Ende Mai in Münster stattfand, forderte in einem Beschluss auf Initiative der Freien Ärzteschaft, dass Patienten bereits bei Einführung der eAkte die Möglichkeit haben müssen, ihre Daten selektiv zu speichern, freizugeben oder zu sperren. Da das ab 2021 jedoch nicht direkt möglich sein wird, haben sich die Ärzte damit klar gegen die Pläne von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn positioniert.

Ja, und nun? Was macht der Patient ab 2021? Noch länger warten, bis wirklich alles einwandfrei klappt, weil die Bedenken der Freien Ärzteschaft die richtigen Argumente sind? Oder wollen wir einfach mal loslegen, weil wir schon viel zu viel Zeit in Bezug auf die digitale Entwicklung im Gesundheitswesen vertrödelt haben?

An dieser Stelle darf auch die Anmerkung erlaubt sein, dass es nicht angehen kann, dass in den 15 Jahren (!) seit die gematik versucht, eine elektronische Gesundheitsakte zu installieren, Abermillionen Euro Versichertengelder vernichtet wurden. Das ist ganz klar weder zum Wohle der Patienten, noch der Versicherten – und schon gar nicht einem Gesundheitssystem eines hochindustrialisierten Staates würdig!

Vielleicht sollte in all dem lauten Getöse endlich mal die Stimme der Patienten etwas lauter werden. Was ist denn tatsächlich zu unser aller Wohl? Dieses Wohl geht uns doch alle an. Dann sollten wir aber auch endlich zu einer öffentlichen Debatte kommen, was mit unseren Gesundheitsdaten passieren kann, darf und soll. Was wollen wir wem preisgeben? Welchen Nutzen bietet es dem gesamten System, wenn ich bestimmte Daten zu meiner Erkrankung freigebe, damit weiter geforscht & entwickelt wird – zum Wohl der anderen Patienten? Und an welcher Stelle müssen meine Gesundheitsdaten notwendigerweise geschützt werden? Professor Dr. Roland Eils, Gründungsdirektor des Zentrums für digitale Gesundheit des Institute of Health, machte in seinem Vortrag beim Hauptstadtkongress seine Haltung unmissverständlich klar: „Daten retten Leben.“ Das wäre doch ein hervorragender Aufhänger für den Beginn einer öffentlichen Debatte  ... <<

Ihre
Jutta Mutschler
Leitende Redakteurin „Market Access & Health Policy“

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