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Hätte, hätte, Fahrradkette*

Editorial MA&HP 02/2018

Die „EU will Bewertung von Arzneimitteln an sich ziehen“, schreibt der Spitzenverband Bund in einer Pressemeldung, während der BAH das „einheitliche Vorgehen bei der klinischen Bewertung von Arzneimitteln“ begrüßt, indes der G-BA befürchtet, dass das Vorhaben der EU-Kommission zur Zentralisierung der Arzneimittelbewertungen das „funktionierende Verfahren der Mitgliedstaaten“ zerstört. Will meinen: Vor allem wohl das typisch deutsche mit seinem – sagen wir es freundlich – „Sonderweg“. Bleiben wir doch einmal pragmatisch, wie es ausnahmsweise der vfa vormacht, indem er richtigerweise, aber eigentlich auch unnötigerweise verlautbart, dass „Krankheiten nicht an europäischen Staatsgrenzen“ halt machen und es die Nutzenbewertung daher auch nicht sollte, denn – so die Gretchenfrage des Pharmaverbands: „Ist ein Portugiese anders krank als ein Deutscher?“ Die schnelle, weil recht einfache Antwort: „wohl kaum“. Von daher gleich die zweite, sich ebenfalls selbst beantwortende Frage des vfa: „Warum sollte sich also die medizinische Bewertung danach richten, welche Nationalität ein Europäer hat?“

Gegen diese Simpel-Argumentation kommt man nicht an. Daher versuchen es die Protagonisten des Nutzenbewertungs-Protektionismus erst gar nicht. So macht der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Professor Josef Hecken, ein ganz anderes Fass auf, indem er konjunktivierend sagt: „Eine Zentralisierung der Bewertung von Arzneimitteln und Medizinprodukten würde unzulässigerweise in die Autonomie und Zuständigkeit der einzelnen Länder für ihre Gesundheitssysteme eingreifen.“ Und weiter: „In der Sozialversicherung hat die EU keine Regelungszuständigkeit und die Kompetenz zur Regelung des Binnenmarktes ist keine tragfähige Grundlage für eine so weitreichende und elementare Regelung, die unmittelbare und tiefgreifende Auswirkungen auf den Ressourceneinsatz in den nationalen Gesundheitssystemen hätte und diese damit zentralistisch steuern könnte.“

Aber: Hat denn die Entscheidung der Europäischen Kommission, ein einheitliches europäisches Vorgehen bei der klinischen Bewertung von Arzneimitteln etablieren zu wollen, überhaupt „unmittelbare und tiefgreifende Auswirkungen auf den Ressourceneinsatz in den nationalen Gesundheitssystemen“, wie Hecken menetekelt? Doch wohl nur dann, wenn die (frühe) Nutzenbewertung und die Preisverhandlung vermischt wird. Offiziell jedoch betont der G-BA samt aller in ihm versammelten Bänke immer wieder, dass das mit den Dossier-Bewertungen beauftragte IQWiG und der anschließend auf dieser Basis durchaus bänke-politisch beschließende Bundesausschuss nicht auf den Preis schauen würde, weil dieser erst im Nachfeld zwischen pharmazeutischen Unternehmer und Spitzenverband Bund (bekanntlich einer der wichtigsten und mächtigsten Bänke im G-BA) verhandelt werde. Klar! Es glaubt jeder, dass ausgerechnet die Profi-Verhandler des Spitzenverbands Bund bis zur offiziellen Preisverhandlung alle Augen zudrücken, um sich nur keine unfairen Verhandlungsvorteile zu schaffen. Sind alles Gutmenschen! Heckens Einwurf, dass der Versuch, ein (hier noch mal zwecks Deutlichkeit und Einprägsamkeit zitiert) europäisches Vorgehen bei der klinischen Bewertung von Arzneimitteln etablieren zu wollen, „unmittelbare und tiefgreifende Auswirkungen auf den Ressourceneinsatz in den nationalen Gesundheitssystemen“ hätte, widerspricht dem zutiefst: Es geht eben bei der ganzen frühen Nutzenbewertung doch um nichts anderes als um den Preis!

Bitte nun nicht gleich falsch verstehen: Das ist auch gut so! Die freie Preisgestaltung ist ein Relikt der Vergangenheit, weil soziale Sicherungssysteme nun einmal keine Selbstbedienungsläden sind, bei denen man zuerst selbst einen Wunschpreis festsetzt und dann auch noch ohne Kontrolle im Selbstscanverfahren durch die Kasse rauscht. Daher ist die Nutzenbewertung als solche absolut notwendig, was aber auch seit Jahren selbst kein Pharmamanager mehr negiert. Die Frage ist nur: Wie kommt der Preis zustande? Hier wie Hecken zu argumentieren, dass „die methodisch unterschiedlichen Konzepte der HTA-Bewertungen zugelassener Arzneimittel berechtigt und zwingend geboten“ wären, weil „Länder mit gesundheitsökonomisch ausgerichteter Bewertung wie Schweden, Niederlande und das Vereinigte Königreich andere methodische Ansätze und Studiendaten als Länder mit primär medizinisch ausgerichteter Bewertung wie Deutschland und Frankreich“ bräuchten, sollte man doch einmal wissenschaftlich hinterfragen. Warum bitte schön sollte eine „gesundheitsökonomisch ausgerichtete Bewertung“ andere methodische Ansätze und Studiendaten als „primär medizinisch ausgerichtete Bewertungen“ benötigen? Funktioniert etwa medizinischer Nutzen in Portugal anders als in Estland? Ist EBM in Griechenland nicht gleich EBM in Irland? Das glaubt wohl keiner. Demnach steckt etwas anderes dahinter: Vielleicht gar die Furcht, den deutschen Sonderweg aufgeben und stattdessen zentral-europäischen Nutzenbewertungen vertrauen zu müssen, die dann sicher nichts mehr mit der sicher hochstehenden wissenschaftlichen Bewertungsinstitution Deutschlands zu tun haben wird, aber dann einer, zu der sich alle kommitten müssen: auch und ganz besonders Deutschland als Motor Europas.


Ihr
Peter Stegmaier

Chefredakteur „Market Access & Health Policy“

 

* nach Peer Steinbrück, 2013

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