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Editorial

03.09.2018 11:55

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, einen Livemitschnitt von „Qualityland“ zu hören, gelesen von Autor Marc-Uwe Kling, den so manch einer von seinen witzig-irrsinnigen Känguru-Chroniken kennt und schätzt. Kling verleiht in dieser Autorenlesung seiner humoristischen Dystopie ein ganz eigenes Leben, einer Welt in naher Zukunft, determiniert von KI-basierten Algorithmen, die jedes Verhalten vom Menschen kennen, noch ehe dieser selbst weiß oder auch nur ahnt, was er überhaupt will. Oder welche Krankheiten er hat oder irgendwann bekommen wird: eine Utopie? Oder gar Dystopie?

Überhaupt nicht. „Disease Interception“ nennen innovative und forschende Pharma-Unternehmen eine – wie Dr. med. Christoph Bug, Medizinischer Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung von Janssen Deutschland im Interview mit „Market Access & Health Policy“ ausführt – „neue und durchaus revolutionäre Herangehensweise“, die seiner Ansicht nach nicht nur „eine Neudefinition des bisherigen Krankheitsbegriffes“ impliziert, sondern gar ein Paradigmenwechsel sei, der das Gesundheitssystem verändern wird. Die damit einhergehenden Veränderungen würden nach Bugs Meinung nicht nur Pharma-Unternehmen betreffen, sondern alle Player im System, denn: „Wenn wir zukünftig Krankheiten behandeln können, bevor die Betroffenen erste Symptome haben, wirft das sehr viele Fragen auf“; Fragen, die geklärt und auf die Antworten gefunden werden müssen, ehe die Zukunftsvision Realität werde.

Also quasi jetzt sofort. Denn: An diesem Modell wird schon länger gearbeitet und geforscht; erste sogenannte „Interception Windows“ wurden bereits entdeckt, womit Zeitfenster gemeint sind, in denen eine Krankheit behandelt werden kann, bevor sie überhaupt entsteht. Wohl gemerkt: Bevor sie entsteht! Fast wie bei „Qualityland“. Dass damit neben der Vermeidung von direkten und indirekten Krankheitsfolgen sowie Lebensqualitätseinschränkungen auch Behandlungskosten sowie die für Spätfolgen vermieden werden können, liegt auf der Hand. Nur: Wie bezahlt man das?

Im AMNOG zumindest wird so etwas überhaupt nicht abgebildelt. Da muss sich jedes innovative Medikament einer Schmalspurbetrachtung unterwerfen, die nur die (günstigste) zweckmäßige Vergleichstherapie und die vergleichbaren Behandlungskosten in einem einzigen Jahr vorsieht. Weitergehende Betrachtungsweisen wie die eines „Health Footprints“ oder gar eines sozioökonomischen Fußabdrucks sind überhaupt nicht vorgesehen. Einfach, weil es zu kompliziert ist. Nun kommen auf einmal moderne forschende Pharma-Unternehmen und wollen Medikamente erforschen und in nicht mehr allzu ferner Zukunft auf den Markt bringen, die mögliche Krankheiten einer definierbaren, weil durch Biomarker identifizierbaren Klientel lindern, verhindern oder gar heilen. Noch bevor sie entstehen und der normale Wahnsinn in Gang gesetzt wird, den man so kennt und der bisher einfach unwiederbringlich so war: erste Symptome, Krankheit, Siechtum, Schmerzen, verminderte Lebensqualität, Hospitalisiation, Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung, Pflegestadium und natürlich als Endziel eines jeden Lebens:  der Tod, an dem man halt nicht vorbeikommt. Oder wie mein Opa selig oft so nett bayerisch meinte: „Bua, Hauptsache man stirbt irgendwann mal möglichst gsund“.

An so einen Gedanken könnte man sich schon gewöhnen, oder? Gesund sterben in einem Eckbüro in den Armen der Familie und das möglichst spät. Aber: Was darf denn so ein Medikament kosten? Und: Muss ich als potenzieller Hochrisikopatient, dem geholfen werden könnte, dem zustimmen, mich behandeln zu lassen, nur weil ein noch so sicherer Algorithmus vorhersagt, dass ich in 15 Jahren ein 25 oder vielleicht sogar 100-prozentiges
Risiko haben werde, beispielsweise an Diabetes oder Alzheimer zu erkranken?

Auch diese ethischen Fragen sind, so Bug im Interview, super spannend, weil es in Deutschland aktuell das Recht auf Nicht-Wissen gebe. Patienten hätten nun einmal das Recht, Informationen nicht zu bekommen, wenn sie sie nicht haben wollen. Bug: „Dieses Recht auf Nicht-Wissen gilt derzeit natürlich auch in Bezug auf Disease Interception.“ Daher seine Frage: „Wie geht man also mit dem Recht auf Nicht-Wissen um?“ Eine gute Frage finde ich, über die man lange nachdenken sollte.

Ihr

Peter Stegmaier
Chefredakteur „Market Access & Health Policy“

PS: Ein Wort in eigener Sache: Ab der kommenden Ausgabe schreibt an dieser Stelle (auch) meine Kollegin Jutta Mutschler, Leitende Redakteurin von „Market Access & Health Policy“. Ich meinerseits möchte mich hiermit als regelmäßiger Editorialschreiber verabschieden und Ihnen für Ihre treue Leserschaft danken.

 

* Original: „J‘aime les choses qui ne sont pas“ von Marianne von Werefkin (1860 – 1938), gesehen in der Zitadelle zu Spandau.

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