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Editorial

03.09.2018 11:55
Gemeinsam – für die europäische Idee!

Wie wichtig es ist, einen klaren Willen zu bekunden und dem auch Maßnahmen folgen zu lassen, macht Dr. Frank Mathias, Vorstandsvorsitzender vfa bio und CEO bei Rentschler Biopharma, im Titelinterview deutlich. Anlass des Gesprächs war die Veröffentlichung des Reports „Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2020“. Im Mittelpunkt des Interviews standen die Möglichkeiten im Bereich der Advanced Therapy Medicinal Product (ATMP) – mit Blick auf den deutschen beziehungsweise europäischen Markt. Der vfa-bio-Vorsitzende spricht von einem „großrahmigen Plan“, der an den identifizierten Schwachpunkten Deutschlands ansetzen und Lösungen schaffen müsse. Klar sei in diesem Zusammenhang, dass das nicht über Nacht gehe und auch nur dann gelinge, „wenn Behörden, Unternehmen und Kliniken an einem Strang ziehen“. Um nicht nur bei theoretischen Willensbekundungen zu bleiben, führt Mathias sechs konkrete Handlungsfelder auf, die den Plänen zum Erfolg verhelfen könnten. Darüber hinaus macht er sich für eine sogenannte ATMP-Welcome-Kultur stark, mit deren Unterstützung die ausgeführten Maßnahmen zügig umgesetzt werden könnten. Dann, so Mathias, „können wir es schaffen, dass Deutschland aus Innovationen im Bereich ATMP medizinische und ökonomische Vorteile ziehen kann, statt medizinische Innovationen überwiegend zu importieren. Das wiederum wäre zum Vorteil für den Standort, für die Gesellschaft und die Patienten, die auf neue Behandlungsoptionen warten“. Nicht zuletzt wünscht sich Mathias mehr „Corona-Spirit“. „Den erleben wir gerade und sehen viel von dem, was wir jahrelang vermisst haben: Hohe Aufmerksamkeit bei staatlichen und privaten Geldgebern für Lösungen aus der Biotechnologie; auch die Bereitschaft, große Summen in zügigen Entscheidungsverfahren zu investieren.“

Apropos „Corona-Spirit“: Auch bei den Online-Veranstaltungen der Digital Week des House of Pharma & Healthcare wurde dieser besondere Spirit immer wieder hervorgehoben. Referenten aus den unterschiedlichen Bereichen des Pharma- und Healthcaremarktes zeigten sich unisono beeindruckt von der guten Zusammenarbeit in Zeiten der Corona-Pandemie zwischen Akademia, Forschungsinstituten, Politik, Behörden und der Industrie. Verbunden war dieses Lob auch immer mit der Hoffnung, diesen Spirit aufrechterhalten zu können und in andere Bereiche zu übertragen. Die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek brachte im Rahmen dieser Digital Week die Idee einer pharmazeutischen Innovationsagentur ins Spiel. Als Vorbild sollte die 2006 gegründete US-amerikanische Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) dienen. Diese Agentur könnte nach Ansicht
Karliczeks als Schnittstelle zwischen der Regierung und der pharmazeutischen Industrie dienen, „um die Entwicklung von Arzneimitteln zu fördern und sicherzustellen, die für die öffentliche Gesundheit von großer Bedeutung seien, aber außerhalb von Krisenzeiten wenig wirtschaftliches Potenzial hätten“.

Doch neben Corona gibt es auch noch weitere Themen, die das Gesundheitswesen – zum Teil schon länger – beschäftigen. Eines dieser virulenten Themen sind die vieldiskutierten Lieferengpässe. Bork Bretthauer, Geschäftsführer Pro Generika e.V., erklärt im Interview die Ursachen dieser Probleme und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf. Eine komplette Rückverlagerung der Generikaproduktion nach
Europa sei weder realistisch noch erstrebenswert. „Es muss uns auch vor allem um mehr Resilienz in den Lieferketten gehen.“ Nach Einschätzung Bretthauers müssten Maßnahmen etabliert werden, die mehr Diversifizierung in den Lieferketten ermöglichten. „De-Globalisierung löst das Problem nicht. Es muss um De-Risking gehen.“ Wie aus politischen Willensbekundungen konkrete Maßnahmen werden, zeigte der Pro-Generika-Geschäftsführer an einem Beispiel aus Österreich: „In Österreich haben Unternehmen und die Regierung gerade Mittel und Wege gefunden, wie man das letzte Werk der westlichen Welt, das noch vollumfänglich Penicillin herstellt, zukunftsfest macht und den Standort für die nächsten Jahre sichert.“ Das Learning daraus: Wo es einen Willen gibt, gibt es offensichtlich (mindestens) einen Weg.

Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen


Jutta Mutschler
Leitende Redakteurin „Market Access & Health Policy“ (mutschler@healthpolicy-online.de)

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