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Editorial

03.09.2018 11:55
Wie bemessen wir den Wert?

Ob etwas mehr oder weniger wertvoll ist, liegt oft im individuellen Auge des Betrachters. Kürzlich ist mir die allererste Postkarte von meiner ältesten Freundin, die ich aus Kindergartentagen kenne, in die Hände gefallen. Ich habe mich riesig gefreut über dieses zufällig entdeckte „Zeitdokument“. Berechnet man den Materialwert dieser Karte beläuft er sich vermutlich auf knapp 20 Pfennig plus 20 Pfennig Portokosten (ja, damals waren noch DM-Zeiten). Der ideelle Wert für mich lässt sich nicht in Zahlen bemessen. Sagen wir es so: Die Karte ist für mich sehr kostbar, weil sie mit vielen wundervollen Erinnerungen an die Kindheit mit besagter Freundin verbunden ist. Um das Thema Wert geht es unter anderem auch im Titelinterview mit Susanne Digel und Ulrike Sager vom Biotech-Unternehmen bluebird bio – nämlich die Bemessung des Wertes der neueingeführten Gentherapie „Zynteglo“ zur Behandlung einer Form der seltenen Erbkrankheit transfusionsabhängige ß-Thalassämie. Im Gespräch erklärt Susanne Digel die Preisfindung hinter „Zynteglo“, nämlich dass der Wert dieser Therapie dargestellt werden soll. „Was die Betrachtung des Wertes betrifft, müssen wir nun alle vorhandenen Denkschemata in Bezug auf Jahrestherapiekosten von chronisch kranken Patienten verlassen.“

Diese Gentherapie stellt nach Aussage Digels auch einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von Erkrankungen dar. Denn, so Digel: „Es handelt sich um eine Einmaltherapie mit einer potenziell lebenslangen Wirksamkeit, sprich im Falle von Zynteglo Transfusionsfreiheit.“ Was die konkrete Preisgestaltung betrifft, sagt sie: „Basis unserer Betrachtung sind die Fragen A) Was wäre mit diesen Patienten lebenslang passiert? Und B) Welche Kosten wären entstanden bei der dauerhaft notwendigen Bluttransfusion? Diese Kosten umzurechnen und gleichzeitig auch das Ergebnis einer langen Forschungsarbeit in einen Preis zu gießen, ist aus unserer Sicht wichtig.“

Das Thema Preis – und darin enthalten ist natürlich auch die Frage des Wertes einer Therapie – führt immer wieder zu kontroversen Diskussionen zwischen den Playern im Gesundheitssystem. Klar ist, dass in Zukunft immer mehr solcher hochpreisiger Gentherapien auf den Markt kommen werden. Wie wollen wir zukünftig damit umgehen? Es braucht Lösungen, die einen echten Wert für alle Beteiligten mit sich bringen. In dem Zusammenhang muss auch klar über Kosten und die Finanzierung dieser Therapien debattiert werden. Und auch darüber, welchen Stellenwert das Thema Gesundheit in unserer Gesellschaft hat.

Nicht nur die Frage nach der richtigen beziehungsweise fairen Bemessung des Wertes einer Therapie wird derzeit diskutiert, sondern auch die Ursachen und Wirkungen der Lieferengpässe von versorgungsrelevanten Arzneimitteln. Der GKV-Spitzenverband hat ein Gutachten dazu in Auftrag gegeben. Eines der Ergebnisse: „Es lässt sich kein Zusammenhang zwischen Lieferengpässen und Ausschreibungsinstrumenten wie den Rabattverträgen in Deutschland ableiten.“

Dieses Ergebnis stößt allerdings auf durchaus geteilte Meinung. Nach der Verabschiedung des „Gesetz für einen fairen Kassenwettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung“ am 13. Februar, in dem laut Gesundheitsminister Spahn auch Lösungen gegen die Lieferengpässe enthalten seien, reagierte der BPI-Hauptgeschäftsführer Dr. Kai Joachimsen mit deutlichen Worten: „Fakt ist, Rabattverträge sind mitverantwortlich für Lieferengpässe von Arzneimitteln. Sie führen zu einer Marktverengung.“ Die Hoffnung richtet sich nun von vielen Seiten auf die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands ab Juli dieses Jahres. Dort soll auch das Thema Lieferengpässe auf der Agenda stehen, um mit den europäischen Partnern gemeinsam an Lösungen zu feilen. Es scheint, der Wert einer guten Gesundheitsversorgung – und dazu gehört eben auch die Arzneimittelversorgung – ist auf internationaler politischer Ebene tatsächlich erkannt worden. Und anders als meine alte Postkarte ist das kein ideeller, sondern ein ganz reeller Wert – und zwar für die ganze Gesellschaft!


Eine spannende Lektüre wünscht

Jutta Mutschler
Leitende Redakteurin „Market Access & Health Policy“ (mutschler@healthpolicy-online.de)


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