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Das Narrativ „zu“ teurer Gesundheit

Editorial MA&HP 04/2018

Dass Deutschland zu viel für Gesundheit ausgibt, ist nach Ergebnissen der Analyse „Bleiben Onkologika bezahlbar? Eine Bestandsaufnahme“, im Auftrag von BMS durchgeführt vom Institut für Gesundheitsökonomik (IfG), ein Narrativ, denn nach der lesenswerten Lektüre der Faktensammlung lässt dieses so oft und leichthin gebrauchte Erzählmotiv alles sinnstiftende vermissen.

Was indes stimmt, ist: Wir geben viel für Gesundheit aus. Deutschland nimmt mit einem Anteil von 11,3 % im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im internationalen Vergleich bei den Gesundheitsausgaben einen vorderen Platz ein. Nur zwei Länder liegen bei diesem Indikator vor Deutschland: die USA und die Schweiz. Nun aber betrachtet Prof. Dr. Aljoscha Neubauer vom IFG nicht nur die simple Zahl unterm Strich, sondern die Arzneimittelausgaben im Verhältnis zum BIP. Und siehe da, welches Wunder: Auf einmal liegen neun Län- der vor Deutschland. Der Grund: Der Anteil der Arzneimittelausgaben im Jahr 2015 machte in Deutschland lediglich 1,6 % aus, was in etwa dem Anteil des Verteidigungsetats Deutschlands am BIP entspricht. Im en- geren Bereich der Onkologika – die des öfteren als Preistreiber hingestellt, verteufelt werden – wurden im Jahr 2016 insgesamt 0,17 % am BIP ausgegeben, was zum Vergleich in etwa dem BIP-Anteil für Förderungsmaßnahmen im Rahmen der öffentlichen Bildungsausgaben entspricht.

Gibt es nun etwa einen gesellschaftlichen Aufschrei gegen Bildungsförderung? Weit gefehlt, wäre auch noch schöner. Aber gegen Pharmapreise wettern, das kann jeder. Alleine schon deshalb, weil es keine gesamtgesellschaftliche Dis- kussion zum Thema „Wert von Gesundheit“ und „Nutzen von Behandlungen“ gibt. „Ich bin der Überzeugung, dass alle Player im Gesundheitssystem sich berufen fühlen sollten, Diskussionen zu diesen Fragestellungen anzustoßen und mitzudiskutieren“, sagt dazu Dierk Neugebauer, Director Market Access bei Bristol-Myers Squibb (BMS), im „MA&HP“-Interview, und setzt dazu: „Wir sind bereit, die Diskussion um den ,Wert von Gesundheit‘ mit allen Gesell- schaftsgruppen und Playern im Markt zu führen.“

Was aber auch nichts daran ändert, dass in Deutschland insgesamt immer noch verhältnismäßig viel Geld für Gesundheit ausgegeben wird. Jedoch liegen nach Meinung von Neubauer „die Arzneimittelausgaben hier- zulande im Durchschnitt“ und würden obendrein eher durch andere Leistungssektoren getrieben.

Andere? Damit sind, ohne dass in der Bestandsaufnahme das „andere“ näher bezeichnet würde, der Krankenhaus- und der ambulante Sektor gemeint. Denn im Arzneimittelbereich, dass muss man einmal ganz deutlich sagen, funk- tioniert das Regulativ des AMNOG sehr wohl. „Mittlerweile sind die durch das AMNOG erzielte Einsparungen auf mehr als 1 Mrd. Euro pro Jahr angestiegen“, schreiben Neubauer und sein IFG-Team. Wobei allerdings diese Einsparungen zwar wesentlich durch das AMNOG, doch flankierend auch durch Wettbewerbsprozesse bzw. andere regulierende Maß - nahmen sowie den Patentschutz bestimmt würden, so dass es im Zeitverlauf zu Preissenkungen komme.

Hier bemühen die IFG-Autoren der Bestandsaufnahme den russischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Dmitrije- witsch Kondratjew (1892-1938), den Erfinder der zyklischen Konjunkturtheorie. Ihre These: Die Behandlungskosten entwickeln sich in einzelnen Indikationsgebieten ähnlich wie Kondratieff-Zyklen in langen Wellen. Will heißen: Während die Ausgaben für beispielsweise Onkologika steigen, sinken in einzelnen Therapiegebieten die Arzneimittelkosten trotz Mengenzuwächsen. In Anlehnung an die Theorie der Kondratieff-Zyklen – und der angenommenen Interpretation ih- rer Übertragbarkeit auf die Gesundheitsversorgung – wird nun davon ausgegangen, dass die Gesamtausgaben in den nächsten Jahren ihren Höhepunkt erreichen und dann in eine Abschwungphase übergehen werden.

Zudem spielt der Zeitverlauf für die abgesetzte Menge eines Arzneimittels eine wichtige Rolle: Am Anfang des Pro- duktlebenszyklus ist die Marktdurchdringung meistens noch niedrig, kann aber im Laufe der Zeit steigen, so dass es zu einer Mengenausweitung kommt. Dem wirken wiederum Preisrückgänge entgegen, etwa aufgrund von Wettbe- werbseinflüssen, regionalen Steuerungsquoten, Patentausläufen oder auch den vermehrten Einsatz von Biosimilars (siehe dazu der Know how-Beitrag „Marktpenetration von Biosimilars“ von Aurelio Arias (IQVIA) sowie die kommende Ausgabe 04/18 von „Monitor Versorgungsforschung“ mit dem Report „Im Spannungsverhältnis zwischen Zutritt und Preis“ anlässlich des Pfizer/HSK-Satellitensymposium über Biosimilars, sowie einem ergänzenden Interview mit Prof. Dr. Uwe May und Prof. Dr. Jürgen Wasem mit dem Titel „Eine Wette auf die Zukunft des deutschen Systems“.)

Ihr
Peter Stegmaier

Chefredakteur „Market Access & Health Policy“


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