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1.000 Puzzle-Teile und kein Überblick

08.05.2014 18:25
In der Studie „Faktencheck Gesundheits- und Versicherungssystem in Deutschland“ hat die PremiumCircle Deutschland GmbH (PCD) versucht, das komplexe System des deutschen Gesundheitswesens, mit all seinen Zusammenhängen und wichtigen Akteuren abzubilden. Damit will PCD „die dringend notwendige Grundlage für gesellschaftliche und politische Handlungsoptionen“ im deutschen Gesundheitssystem schaffen. Erarbeitet wurden die Studienergebnisse vom “ZukunftskreisGesundheit“, einer Arbeitsgemeinschaft aus 60 Akteuren des Gesundheitswesens, die im vergangenen Jahr die GKV, die PKV sowie das gesamte Gesundheitssystem analysiert und bewertet haben.

Um die Komplexität des heutigen Gesundheitssystems und der damit einhergehenden Herausforderungen zu veranschaulichen, wählte der PCD-Geschäftsführender GesellschafterClaus-Dieter Gorr das Bild eines 1000-Teile-Puzzles. „Bis dato bestand Unklarheit darüber, ob für das fertige Bild alle Teile aus dem Puzzle gebraucht werden, und wie das komplette Bild überhaupt aussieht“, sagte Gorr. „Tatsache ist“, erklärte er weiter, dass bislang kaum jemand das komplett fertige Puzzlebild hätte detailliert beschreiben können. Die veröffentlichte Studie „Faktencheck Gesundheits- und Versicherungssystem in Deutschland“ soll diese Lücke schließen.

Das Wissen der Wenigen

Der erste Teil der Studie enthält folgende Kernaussagen:
• Das GKV-System ist hoch komplex und aufgrund zahlloser Reformen intransparent und unübersichtlich.
• Das GKV-System und die Rolle der relevanten Akteure sowie deren Zusammenspiel ist nur sehr wenig Akteuren aus Politik und Gesundheitswirtschaft bekannt.
• Die Politik hat die Steuerung des GKV-Systems an eine Vielzahl von Institutionen übertragen, die teilweise direkt gesteuert werden oder autark der Selbstverwaltung der Beteiligten unterliegen. Durch die Zuführung von Steuermitteln ins GKV-System bestehen wichtige politische Steuerungsinstrumente, die unmittelbar zu einer Stabilisierung oder auch Destabilisierung des deutschen Gesundheitssystems führen können.
• Unterschiedliche Auslöser einer medizinischen Versorgung haben unterschiedliche Gesetzesgrundlagen (Gesetzliche Unfallversicherung SGB VII, Gesetzliche Krankenversicherung SGB V und Soziale Pflegeversicherung SGB XI) mit inkonsistenten kostenträgerspezifischen Leistungsbetrachtungen, Leistungsausgestaltungen und Vergütungen.
• Die Kontrolle der Beteiligten und die Verteilung der einzelnen Budgets für Leistungsausgaben findet vor allem untereinander statt. Ein Qualitätswettbewerb innerhalb des GKV-Systems ist kaum ersichtlich. Abhängigkeiten und Verbindungen sind nur mit Mühe erkennbar und nur einem sehr kleinen Expertenkreis verständlich.
• Das planwirtschaftliche System verharrt in sich und ist mit sich selbst beschäftigt. Impulse können von einzelnen Institutionen oder Akteuren kaum noch ausgehen. Die Auswirkungen der Änderungen werden gleich von allen anderen betroffenen Akteuren negativ kommentiert. Verharren bleibt als einzige erfolgsversprechende Überlebensstrategie.
• Die Finanzierungsgrundlage des Systems erfolgt nicht für die Bereitstellung der Strukturen, sondern nur durch die Abrechnung einzelner Fälle. Krankenhäuser und Ärzte sind darauf angewiesen, Krankheitsfälle zu erhalten und zu behandeln. Reicht das nicht, müssen diese erzeugt werden.
• Das System ist von seiner Grundstruktur her als Krankheitsverwaltungssystem zu bezeichnen, bei dem der Patient nur als Mittel zum Zweck erscheint.

Bei der internationalen Einordnung des deutschen Gesundheitswesens wird in der Studie deutlich, dass Deutschland bei der Verfügbarkeit und dem freien Zugang zu (fach-) ärztlicher Versorgung gut darsteht, im Hinblick auf die Qualität aber nur ein Mittelmaß erreicht. Als Grundlage für die weitere Bewertung dienten den Experten des „ZukunftskreisGesundheit“ die vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) 2007 in seinem Gutachten postulierten neun Leitbilder an ein Gesundheitssystem:
1. Souveranität und Eigenverantwortung
2. Zugänglichkeit und Erreichbarkeit der Leistung
3. hohe Versorgungsqualität
4. Kostenbewusstsein und Outcome-Orientierung
5. Transparenz und Schlüssigkeit, Planbarkeit
6. Autonomie, Eindbindung in den Entscheidungsprpzess
7. Wahlmöglichkeit der Versicherten und Patienten
8. Solidarität und Verteilungsgerechtigkeit
9. Finanzierbarkeit und Nachhaltigkeit

Die Ergebnisse der Workshop-Diskussionen zu diesen Leitbildern wurden in der Studie systematisch erfasst. Nach einer kurzen Einleitung wurde jedes Leitbild zunächst als Begriff definiert und daraufhin im Gesundheitssystem sowie im Hinblick auf die GKV/PKV, inklusive Pro- und Kontra-Aspkte, bewertet.
Das Fazit des Zukunftskreises zeigt eindeutigen Verbesserungsbedarf: Das Gesundheitswesen sei aufgrund der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklungen aktuell nicht nachhaltig für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet. Trotz der intensiv geführten Diskussion um die Einführung einer Bürgerversicherung und damit auch um die Zukunft von PKV und GKV gehe es dennoch nicht darum, jetzt zu entscheiden, welches System grundsätzlich „das gute“, „das schlechte“, und damit das „grundsätzlich“ richtige für Deutschland sei, erklärten die Experten. Vielmehr müssten auf Basis der vorliegenden Kenntnisse die einzelnen Systembestandteile hinsichtlich ihrer medizinischen und ökonomischen Aufgaben detailliert analysiert, die Effektivität und Effizienz hinterfragt und ergebnisorientiert neugeordnet werden. Vertiefende Analysen sowie Handlungsfelder für eine Reformagenda will PCD übrigens in der nächsten Phase der Projektarbeit erarbeiten.

Ausgabe 03 / 2014

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