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8 neue antibiotische Wirkstoffe in 10 Jahren

04.11.2020 12:08
Im Jahr 2019 waren knapp 18 Millionen Verordnungen von Reserveantibiotika für gesetzlich versicherte Patienten zu verzeichnen. Damit entfiel mehr als jede zweite Antibiotikaverordnung auf ein Reserveantibiotikum. Jeder sechste Versicherte hat mindestens einmal ein solches Medikament erhalten. „Die Verordnungen von Antibiotika der Reserve sind in den letzten Jahren zwar leicht rückläufig, aber ihr Anteil lag auch 2019 wieder besorgniserregend hoch“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Reserveantibiotika sollten nicht zur Therapie von „normalen“ Infektionen wie zum Beispiel Erkältungen eingesetzt werden, sondern nur im Bedarfsfall bei schweren bakteriellen Erkrankungen.

„Je sorgloser sie verordnet werden, desto resistenter werden Bak-terien gegen Antibiotika. Die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionskrankheiten werden durch ihren starken Einsatz sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierhaltung zunehmend stumpfer“, so Schröder. Das Problem der Antibio-tika-Resistenzen werde dadurch noch vergrößert, dass die pharmazeutische Industrie in den letzten Jahren nur wenige neue Antibiotika auf den Markt gebracht habe. „Inzwischen scheint die Politik das Marktversagen in diesem Pharmamarkt zu erkennen und fördert die Forschung und Entwicklung direkt.“

Im Jahr 2019 entfielen laut WIdO-Bericht insgesamt 34 Millionen Verordnungen im Wert von 766 Millionen Euro auf Antibiotika. Das entspreche etwa jeder 20. ambulanten Verordnung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Auf die Reserveantibiotika entfielen 53% dieser Verordnungen. Nach einer Berechnung des WIdO auf Basis der Alters- und Geschlechtsprofile der AOK-versicherten Patienten wurden im vergangenen Jahr 12,1 Millionen GKV-Versicherte mindestens einmal mit einem Reserveantibiotikum therapiert – also jeder sechste GKV-Versicherte (16,4%).

Gerade diesen hohen Anteil von verordneten Reserveantibiotika beurteilen Experten als problematisch, da diese Medikamente eigentlich nur Mittel der zweiten Wahl darstellen. Mit Unterstützung von Prof. Dr. Winfried V. Kern vom Zentrum Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Freiburg hat das WIdO einen Überblick zu den antibiotischen Standard- und Reservetherapeutika erstellt. Nach den ärztlichen Behandlungsleitlinien sollten die Reserveantibiotika nicht zur Therapie einfacher Infektionen eingesetzt werden, sondern nur dann, wenn Standardantibiotika nicht mehr helfen. Aktuelle Auswertungen des WIdO belegen, dass der Anteil der Reserveantibiotika an allen verordneten Antibiotika seit 2012 rückläufig ist.

„Im Vergleich zum Höchstwert von 66% im Jahr 2012 ist ein Rückgang der Verordnungen festzustellen. Allerdings liegt der Verordnungsanteil immer noch so hoch wie zur Jahrtausendwende – und das, obwohl man davon ausgehen kann, dass im ambulanten Bereich üblicherweise vergleichsweise harmlose Infektionen behandelt werden“, erklärt Helmut Schröder. Das kritische Hinterfragen jeder Antibiotikaverordnung und ein rationaler, leitlinienkonformer Einsatz von Reserveantibiotika sei weiter angezeigt. Der WIdO-Experte weiter: „Die goldene Regel zur Verordnung von Antibiotika, die wir schon 2001 kommuniziert haben, ist nach wie vor brandaktuell: So wenig wie nötig und so gezielt wie möglich.“

Problematisch – Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung

Als problematisch wird auch der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung gesehen, denn die Wirkstoffe gelangen in die Nahrungskette der Konsumenten. Dies geschehe entweder über den Verzehr von Rind- und Schweinefleisch, Geflügel und Fisch oder über das Grundwasser. Der Vergleich der Antibiotikamengen in Tonnen zeigt, dass die ambulanten Verordnungen in der Humanmedizin nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Während im Jahr 2019 rund 339 Tonnen Antibiotika der Versorgung von Patientinnen und Patienten in Deutschland dienten, waren es in der heimischen Tierhaltung rund 670 Tonnen. Insgesamt wurden damit 2019 bei Mensch und Tier über 1.000 Tonnen Antibiotika eingesetzt, darunter mindestens 376 Tonnen Reserveantibiotika. In einem europäischen Vergleich des Jahres 2017 zeigt sich, dass der Antibiotikaverbrauch in Deutschland mit rund 89,9 Milligramm je Kilogramm Nutztier teilweise um ein Vielfaches höher liegt als in Ländern wie Norwegen (2,9 mg je kg), Dänemark (40,8 mg je kg) oder den Niederlanden (52,7 mg je kg).
Doch die zunehmenden Resis-tenzen gegen Antibiotika verursachen laut WIdO-Bericht schwerwiegende Probleme: Bereits heute sterben nach Angaben der Europäischen Seuchenbehörde ECDC in der EU jedes Jahr rund 33.000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen, gegen die die verfügbaren Antibiotika machtlos sind.

Neben einer behutsameren Verordnung in der Human- und Tiermedizin würden laut WIdO auch Wirkstoffe mit neuen Wirkprinzipien benötigt, die in der Lage seien, die vorhandenen Resistenzen zu überwinden. Unter den 316 neuen Wirkstoffen, die die pharmazeutische Industrie in den letzten zehn Jahren in Deutschland auf den Markt gebracht hat, waren jedoch nur acht neue antibiotische Wirkstoffe. „Die rasanten Fortschritte in anderen Bereichen, wie beispielsweise in der Bekämpfung von Covid-19, zeigen, dass die Kompetenz der pharmazeutischen Industrie für Forschung und Entwicklung auch für neue Antibiotikawirkstoffe vorhanden sein sollte.“ Gleichzeitig scheine der betriebswirtschaftliche Anreiz zu fehlen: „Die Pharmaindustrie fokussiert sich lieber auf Wirkstoffe, mit denen höhere Preise und höhere Umsätze erzielt werden können“, konstatiert der WIdO-Experte. Positiv sei, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2018 bis zu 500 Millionen Euro für zehn Jahre bereitgestellt habe, um unter anderem die Entwicklung neuer Antibiotika zu unterstützen. Die Anreize des Marktes scheinen nach Einschätzung von Helmut Schröder bei Antibiotika nicht zu wirken.

Kritik an der Auswertung äußert das Zi

Die Auswertungen des WIdO stießen bei Dr. Dominik von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), auf deutliche Kritik: „Das WIdO schießt in seinem Bericht meilenweit übers Ziel hinaus, denn es suggeriert, dass Ärztinnen und Ärzte bei der Verordnung von Reserveantibiotika ‚sorglos‘ vorgingen. Dies ist keineswegs der Fall und verstellt den Blick auf das Erreichte: So sind zum Beispiel die Verordnungen von Fluorchinolonen 2019 um 62 Prozent gegenüber 2010 zurückgegangen.“
Nach Einschätzung von Stillfried führe die undifferenzierte Bewertung, dass Verordnungen von Reserveantibiotika generell kritikwürdig seien, in die Irre. „Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass diese Medikamente bei bestimmten Krankheitsbildern sehr wohl empfohlen werden.“

Ausgabe 06 / 2020

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