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Editorial

Das Verschließen der Augen vor der Welt

Deutschland ist Weltmeister. Dieser Überzeugung ist zumindest Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes. Die Disziplin, in der er Deutschland oder genauer gesagt die deutsche Gesundheitspolitik ganz vorne sieht, ist relativ ungewöhnlich: nämlich im Augenzumachen und nicht Reagieren. Oder wie Knieps es im Rahmen des Rechtssymposiums, zu dem der Gemeinsame Bundesausschuss Mitte Juni eingeladen hatte, formulierte: „Wenn wir die Augen zumachen und nichts machen – und da sind wir Weltmeister drin in der Gesundheitspolitik – dann rollt es über uns hinweg.“ Thema des Symposiums war „Digitalisierung und Datenschutz im Gesundheitswesen – Chancen und Herausforderungen“. Für Franz Knieps hat das Augenzumachen angesichts der Herausforderungen im Bereich der Digitalisierung möglicherweise zur Folge, dass China und die USA überlegen würden, mit welchen Geschäftsmodellen sie Deutschland überrollen könnten. „Dann haben wir massive Probleme für alle etablierten Akteure im System, vor allem aber für die soziale Ausrichtung dieses Systems.“ In seinem Eröffnungsvortrag stellte Prof. Josef Hecken, der unparteiische Vorsitzende des G-BA, fest, dass Digitalisierung zwar kein Selbstzweck sein dürfe, sondern sich messen lassen müsse an dem Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsgebot. Dennoch machte er darauf aufmerksam, dass es beim Thema Digitalisierung längst nicht mehr um die Frage Ja oder Nein ginge, sondern vielmehr darum: „Digitalisierung wie und unter welchen Rahmenbedingungen.“

Dass Innovationen und damit einhergehende Veränderungen oftmals auf Widerstand und Ablehnung gestoßen sind, kann man natürlich an zahlreichen historischen Beispielen festmachen. Josef Hecken wählte das Beispiel der Einführung der Eisenbahn in Deutschland. Als 1835 die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth fuhr, habe man vor der gigantischen Geschwindigkeit von 40 km/h gewarnt und jedem Mitreisenden eine Lungenentzündung wegen der Zugluft vorausgesagt, so Hecken. Ein Priester habe sich sogar in der Prophezeiung verstiegen, dass die Eisenbahn aus der Hölle komme „und jeder der damit fährt, kommt in die Hölle“. Wir ach so aufgeklärten Menschen der Jetztzeit schmunzeln natürlich über solche rückständigen und innovationsfeindlichen Kommentare von damals. Aber ganz ehrlich: Wie lange diskutieren wir denn schon über die Notwendigkeit der Digitalisierung im Gesundheitswesen? Die Notwendigkeit ist doch längst erkannt, also Augen auf und aktiv agieren – nicht nur reagieren auf die globalen Entwicklungen. Denn klar ist auch, dass die Versicherten und Patient:innen digitale Lösungen, die ihre Gesundheitsversorgung verbessern und erleichtern, gerade auch im Gesundheitswesen wünschen, wie zahlreiche verschiedene Umfragen und Studien zeigen.

Wenn wir jetzt nicht ganz schnell die Augen aufmachen und handeln, dann werden vielleicht zukünftige Generationen die deutsche Lethargie bei der Digitalisierung als historisches Schmunzelbeispiel hinsichtlich Rückständigkeit und Innovationsfeindlichkeit anführen. Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Universitätsprofessor für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, hat beim
G-BA-Rechtssymposium seinen Vortrag mit den Worten beendet: „Ein letzter Gedanke zum Schluss – wir haben in Deutschland schon sehr viel Zeit verloren, Abwarten ist keine Option!“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. 

Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen


Jutta Mutschler
Leitende Redakteurin „Market Access & Health Policy“ (mutschler@healthpolicy-online.de)