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Editorial

Mit Framing zur Deutungshoheit

Anfang des Jahres war Framing ein ziemlich kontrovers diskutiertes, kurzzeitig großes Aufregerthema. Der Grund dafür war ein Gutachten, das die ARD bei der Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling in Auftrag gegeben hatte mit dem Ziel, die Vorzüge und Besonderheiten der Fernseh- und Rundfunkanstalten mit den passenden und entsprechenden Worten nach außen besser darzustellen. Laut Wikipedia bedeutet Framing (englisch frame: „Rahmen“) „der Prozess einer Einbettung von Ereignissen und Themen in Deutungsraster“.

Doch warum komme ich gerade jetzt wieder auf das Thema Framing? Ich denke, dass in zahlreichen Branchen und auch gesellschaftlichen Bereichen immer „geframed“ wird – so auch im Gesundheitswesen. In dem Zusammenhang erinnere ich mich an einen meiner Uni-Profs, der uns Studis in seinen Seminaren immer wieder darauf hingewiesen hat, dass Sprache Macht bedeutet und uns deshalb zu einer besonderen Sorgfalt im Umgang mit Worten anhielt. Bei der Vorstellung des aktuellen Arzneiverordnungs-Reports 2019 fühlte ich mich an Framing erinnert und an die Uni zurückversetzt. Im Kontext von sogenannten „Pay for Performance“-Verträgen erklärte Dr. Sabine Richard, Geschäftsführerin der Abteilung Versorgung des AOK-Bundesverbandes, dass diese von der Pharmaindustrie als „innovative Preismodelle propagiert“ würden. Und machte deutlich, dass die AOK diese Modelle als Systemlösung ablehnen würde. Außerdem änderten sie laut Richard nichts an den immer höheren „Mondpreisen“, die von der Soldidargemeinschaft erst einmal vorfinanziert werden müssten.

Passenderweise ist auch im Titelinterview mit Dr. Andreas Kress und Dr. Mathias Muth (beide Novartis) beim Thema neue Gen- und Zelltherapien die Rede von einem bereits umgesetzten Pay-for-Outcome-Vertrag. Die beiden sprechen durchaus positiv von ihren Erfahrungen im Gespräch mit den Kostenträgern bei der Umsetzung des Vertrages. Und sie betonen im Gespräch, dass sie in Bezug auf flexiblere und neue Erstattungsmodelle konsequent auf den Dialog und gemeinsame Lösungen setzen. Oder wie Muth es formulierte: „Aber diese Veränderungen und Entwicklungen im Markt gemeinschaftlich zu analysieren und entsprechende Schlüsse daraus zu ziehen, ist für beide Seiten der richtige Weg.“ Das nenne ich mal klassisch diametral entgegengesetzte Positionen.

Doch nicht nur in diesem Bereich wird um Deutungshoheit gerungen. Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Thema Lieferengpässe ab. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) e.V. hat eine Analyse in Auftrag gegeben, die untersucht, wer – platt formuliert – die Schuld daran trägt, dass es in Deutschland verstärkt zu Lieferengpässen bei Arzneimitteln kommt. Ein Ergebnis der Untersuchung: „Bei keinem einzigen der nicht lieferbaren Medikamente waren die Arzneimittel-Ausschreibungen der gesetzlichen Krankenkassen der Grund für den Lieferengpass.“ Vielmehr würden die Rabattverträge der Kassen helfen, „Lieferengpässe zu verhindern. Durch die vertraglichen Lieferverpflichtungen erhalten Arzneimittelhersteller eine bessere Planbarkeit, was letztlich die Liefersicherheit und damit die Versorgungssicherheit für die Patienten erhöht“, zeigte sich Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des vdek, überzeugt. Die Analyse widerlege laut Elsner eine immer wieder vorgetragene Behauptung der Pharma-Lobby. Natürlich ließ eine Reaktion der „Pharma-Lobby“ nicht lange auf sich warten und Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des BPI, widersprach den Äußerungen Elsners, denn das vom BPI in Auftrag gegebene Rechtsgutachten „Zehn Jahre Arzneimittel-Rabattverträge“ von März habe bereits das Gegenteil nachgewiesen: „Nach der ‚Scharfschaltung‘ der Arzneimittel-Rabattverträge im Jahr 2007 ist im rabatt-vertragsgeregelten Markt eine Marktkonzentration eingetreten, die die Arzneimittelversorgung massiv beeinträchtigt“, so Joachimsen. Letztlich geht es auch in dieser Auseinandersetzung vor allem um Deutungshoheit mit Hilfe von gerne genutzten Sprachbildern und langsam abgenutzten Stereotypen – auf der einen Seite die „Pharma-Lobby“ – auf der anderen Seite die „knausrigen Kostenträger“.
Übrigens – kurzer Zwischeneinschub: Einen weiteren Einblick zum Thema Lieferengpässe bietet auch der Beitrag von Dr. Marco Penske im DFGMA-Special.

Was nun die Macht von Sprachbildern betrifft: Vielleicht sollte man Framing einfach mal im Sinne nutzen von Information statt Verunsicherung bzw. Verunglimpfung durch bestimmte Wortwahl. Gemäß dem Motto: „Wir kämpfen nicht an verschiedenen Fronten, sondern haben alle ein gemeinsames Ziel – ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem, das zum Wohle der Patienten agiert.“ Das ist möglicherweise ein total naiver Wunsch zum Neuen Jahr – aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre.



Ihre
Jutta Mutschler
Leitende Redakteurin „Market Access & Health Policy“ (mutschler@healthpolicy-online.de)

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