Sie sind hier: Startseite Industrie „Pharmaindustrie am Wendepunkt“
x
Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

„Pharmaindustrie am Wendepunkt“

06.12.2010 09:30
Die Pharmaindustrie steckt in einer strategischen Krise. Der Studie „Fight or flight?“ von Roland Berger Strategy Consultants zufolge ist Diversifikation einer der bedeutendsten Trends in der Pharmaindustrie. An der Studie teilgenommen haben sieben der globalen Top-Ten-Pharmaunternehmen, die 40 Prozent der weltweiten Erträge der Branche repräsentieren. Die Pharma-Experten von Roland Berger haben darüber hinaus Interviews mit Topmanagern geführt, um ihre Ergebnisse zu validieren und daraus strategische Konsequenzen abzuleiten. Die Studie identifiziert drei Dimensionen von Diversifizierung: Innovation, Integration und Risikominderung. Der wichtigste Bereich für Diversifizierung ist nach Meinung der befragten Unternehmen das Generikageschäft. Angesichts des steigenden Kostendrucks bei innovativen Medikamenten und stetig steigender F&E-Investitionen mit negativer Rendite setzt die Branche auf das diversifizierte Geschäftsmodell als Weg aus der Krise. Und anders als in der Vergangenheit honoriert die Finanzwelt Diversifizierung.

>> „Die große Pharmaunternehmen befinden sich an einem Wendepunkt“, sagt Stephan Danner, Partner und Pharma-Experte bei Roland Berger Strategy Consul-tants. Kostendämpfungsmaßnahmen im Gesundheitswesen, ein erschwerter Marktzugang sowie der Ablauf des Patentschutzes für eine enorme Zahl von Arzneien zwingen die Unternehmen dazu, ihr herkömmliches Geschäftsmodell zu überdenken. „In den kommenden drei Jahren verlieren Medikamente im Umfang von 50 Prozent des Umsatzes der Pharmaindustrie den Patentschutz. Daher rechnen 65 Prozent der Pharmaunternehmen mit einer strategischen Krise“, sagt Danner. „67 Prozent der Führungskräfte der Branche halten daher Diversifizierung als potenziellen Ausweg aus dieser Krise.“ Die Roland-Berger-Studie „Fight or flight? - Diversification vs. Rx-focus in big pharma‘s quest for sustained growth“ identifiziert drei Dimensionen von Diversifizierung: Risikominderung, Innovation und Integration.
Aktuell scheint die Branche in erster Linie die ziemlich konservative Strategie der Risikominderung zu favorisieren. 78 Prozent der Führungskräfte nehmen Generika als den wichtigsten Diversifizierungsbereich wahr, gefolgt von Consumer Health (50 %) und Impfstoffen (42 %). Unternehmenszukäufe sollen in diesem Zusammenhang den Umsatz beflügeln und zugleich Geschäft in den boomenden BRIC-Ländern ermöglichen. Diversifizierung entlang der Dimension Innovation steht an zweiter Stelle. Sie resultiert aus dem Trend zu personalisierter Medizin und Diagnostik. Integrationsstrategien entlang der Versorgungs-Wertschöpfungskette würden Pharmaunternehmen zu aktiven Anbietern von Gesundheitslösungen machen.
Die meisten Entscheider der Branche scheuen vor diesem Pfad aber noch zurück, weil ihnen der Anpassungsbedarf noch zu groß erscheint.

Die Kunst, ein diversifiziertes Unternehmen zu führen

„Um aus Diversifizierung Wert schöpfen zu können, ist es entscheidend, vorhandene Kompetenz zu nutzen und die damit verbundenen Synergien zu realisieren“, sagt Danner. Die Topmanager der Pharmaindustrie sind in diesem Zusammenhang sehr vorsichtig. Die Studienteilnehmer erwarten den größten Transfer von Fähigkeiten und Kompetenz in den Bereichen Generika (45 %) und Diagnostik (43 %). Die Führungskräfte gehen davon aus, dass Produzenten innovativer, patentgeschützter Arzneimittel nicht über die Kompetenz für eine Vorwärtsintegration verfügen. Insbesondere werden trotz massiver Investitionen der Zugang zu Verschreibern oder Markenkonzepte nicht als Unternehmenskompetenzen wahrgenommen, die für eine Diversifizierungsanstrengung genutzt werden könnten.

Krise der F&E-Produktivität

Mehr als 60 Prozent der Befragten nehmen aktuell eine Neubewertung ihres herkömmlichen Geschäftsmodells vor, das sich auf hochmargige, patentgeschützte Medikamente konzentrierte und zwar aus zwei Gründen:
• Erstens erwartet die Branche, dass die Margen innovativer Medizin unter erheblichen Druck geraten, da die öffentliche Hand weltweit ihre defizitären Haushalte unter Kontrolle bringen muss.
• Zweitens gehen sie nicht mehr davon aus, dass die massiven F&E-Investitionen die erforderlichen Renditen einbringen. Fast die Hälfte der Studienteilnehmer erwartet eine negative Rendite ihrer heutigen Investitionen in diesem Bereich.
Die anhaltenden Restrukturierungsanstrengungen von F&E-Funktionen in der gesamten Industrie stützen diese Einschätzung.

Finanzwelt und Aktionäre honorieren Diversifizierung

Anders als in der Vergangenheit bestrafen die Finanzmärkte diversifizierte Unternehmen nicht mehr. Nachdem innovative Pharmaunternehmen in den vergangenen zehn Jahren Marktkapitalisierung in Höhe von 400 Mrd. US-Dollar eingebüßt haben, setzt die Finanzwelt nun erneut große Hoffnungen in diversifizierte Unternehmen. Bereits heute ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis diversifizierter Unternehmen höher als das fokussierter Unternehmen.

Diversifizierung von Dauer

Mehr als 80 Prozent der Führungskräfte der Pharmaindustrie sind überzeugt, dass es sich bei Diversifizierung um einen langfristigen Trend handelt, der sich ungeachtet der Schwierigkeiten im Bereich F&E fortsetzen wird. Der Rest betrachtet es als eine Überbrückungsstrategie, die Gewinn- und Wachstumsdefizite ausgleichen soll. <<


Auf einen Blick
• 65 % der befragten Unternehmen glauben, dass die Pharmaindustrie in einer strategischen Krise steckt.
• Diversifizierung ist einer der bedeutendsten Trends und gilt als Weg aus der Krise.
• Diversifizierung hat drei Dimensionen: Innovation, Integration und Risikominderung.
• Wichtigster Bereich für Diversifizierung ist aktuell das Generikageschäft.
• Die Produktivitätskrise in Forschung & Entwicklung (F&E) treibt die Diversifizierung weiter voran.
• Fast 50 % der Unternehmen erwarten eine negative Rendite ihrer heutigen F&E-Investitionen.

Artikelaktionen